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Größte Kundgebung der jungen ungarischen Demokratie stärkt Regierung den Rücken Klare Absage an äußere Gängelung 21.01.2012: Budapest erlebte größte Demonstration seit der Wende „Nimmer nach links!“ Der Kossuth tér vorm Parlament war letzten Sonnabendnachmittag gegen halb sechs bereits gut gefüllt,als die Spitze des Stunden zuvor am Heldenplatz gestarteten „Friedensmarsches für Ungarn“ hier eintraf. Eine Stunde lang flutete der Menschenstrom danach durch die Alkotás utca (Straße der Verfassung) Richtung Parlament, um den Kossuth tér sodann aus Platzgründen gleich wieder in nördlicher und südlicher Richtung zu verlassen.
Eingeladen hatten zu der Großveranstaltung mehrere konservative Persönlichkeiten, darunter Zsolt Bayer (Publizist bei der konservativen Tageszeitung Magyar Hírlap), András Bencsik (Chefredakteur der konservativen Wochenzeitung Demokrata), László Csizmadia (Sprecher des Forums für zivilen Zusammenhalt), István Stefka (Chefredakteur von Magyar Hírlap) und der Großindustrielle und Eigentümer von Magyar Hírlap, Gábor Széles. Dem Aufruf angeschlossen hatten sich auch verschiedene Zivilorganisationen wie der Batthyányi-Kreis sowie zahlreiche lokale Vertretungen der Zigeunerminderheit. Schätzungen hinsichtlich der Zahl der Teilnehmer variieren je nach politischem Lager: Während die Organisatoren kurz nach dem Marsch von „über 500.000 Teilnehmern“ sprachen, legte sich die linksliberale Presse in Ungarn am Montag auf einen Wert um die 100.000 fest. Das untere Ende der Schätzungen markierte das Gros der westliche Medien, deren ungarische Zuträger nur „einige Zehntausend“ Teilnehmer beim „Friedensmarsch“ gesehen haben wollen. Der Wahrheit am nächsten kommt vielleicht das Innenministerium, das in einer Pressemitteilung eine Schätzung von 400.000 Teilnehmern verlautbarte. Immerhin hatte diese Institution wohl den besten Überblick, kreiste doch gelegentlich ein Polizeihubschrauber über der langgestreckten Marschsäule. Zahlenkrieg um genaue Teilnehmerzahl Hinter dem Zahlenkrieg dürfte von linksliberaler Seite das Bestreben stehen, die aktuelle Demonstration in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit auf eine Stufe mit der Anti-Regierungs-Kundgebung der Opposition am ersten Neujahrsmontag zu stellen. Bei dieser von westlichen Medienvertretern – im Gegensatz zur jüngsten Demonstration – mit höchster Aufmerksamkeit und Wertschätzung begleiteten Kundgebung aus Anlaß des Festakts der Regierung zum Inkrafttreten der neuen Verfassung waren auf der Andrássy út vor der Oper nämlich tatsächlich nur „einige Zehntausend“ Teilnehmer erschienen. Wieviele Teilnehmer die Pro-Regierungs-Demonstration letztendlich wirklich hatte, wird sich vor allem wegen ihrer Ausbreitung und Dynamik wohl nie restlos klären lassen, fest steht aber, daß es sich um die größte Demonstration seit der Trauerkundgebung zur Wiederbestattung von 56er Revolutionsmärtyrern, darunter Premier Imre Nagy, am 16. Juni 1989 auf dem Budapester Heldenplatz gehandelt hat. Die Teilnehmer repräsentierten einen breiten Querschnitt der ungarischen Gesellschaft. Gekommen waren Junge und Alte, sichtbar Wohlsituierte und Leute aus einfacheren Verhältnissen, Budapester und Ungarn vom Land, einige sogar aus den abgetrennten ungarischen Gebieten im heutigen Rumänien und der Slowakei. Gemeinsam war allen, daß sie genug hatten von den heftigen, zuletzt fast pausenlosen Einmischungs- und Gängelungsversuchen seitens westeuropäischer Politiker und nicht zuletzt von der unsachlichen Ungarn-Berichterstattung in den westlichen Medien. Die Kundgebung wirkte wie ein verzweifelter Versuch, sich auf diese Weise bei den westlichen Beobachtern Gehör zu verschaffen. Und so war auch mindestens die Hälfte der Transparente in englischer, deutscher und sogar französischer Sprache beschriftet. Tenor der Losungen waren sowohl ein klares Bekenntnis zur Person und Regierung von Premier Viktor Orbán als auch die Absage an äußere Einmischungsversuche. Obwohl durch die vielen Plakate, auf denen in knappen Worten Premier Orbán Unterstützung zugesichert wurde, der Eindruck entstehen konnte, hier stehe eine tumbe Masse blind hinter ihrem „Führer“ hatten die Teilnehmer durchaus auch einen Blick auf die kritischen Seiten seiner Politik. „Natürlich macht Orbán auch Fehler, bei der Wirtschaftspolitik und bei der Kommunikation hat er sogar sehr große Fehler gemacht, das ändert aber nichts an der Tatsache, daß die Schmähangriffe gegen unser Land und die permanenten Demütigungen durch die EU inakzeptabel sind. Es ist sicher nicht leicht, in dieser Atmosphäre sein Land nach außen zu vertreten“, so ein bei einem deutschen Unternehmen beschäftigter ungarischer Manager zu seinen Motiven für die Teilnahme gegenüber der BUDAPESTER ZEITUNG. Ähnlich äußerten sich auch zwei weitere Geschäftsleute. Klares Bekenntnis zur Demokratie Weitere häufig wiederkehrende Motive waren das Bekenntnis zur Demokratie und ein Nein zu Großmachtbestrebungen fremder Mächte auf Kosten Ungarns. Trotz Ähnlichkeiten in den Grundaussagen glich rein äußerlich kaum ein Plakat dem anderen. Den meisten sah man ihre hausgemachte Herkunft an. Es gab anspruchsvoll gefertigte, aber auch sehr simple. Einige Transparente glichen wahren 3D-Installationen und mobilen Wandzeitungen. Es gab aber auch einfache Mütterchen, die das, was sie für richtig hielten, nur mit Filzstift auf ein kleines Stück Pappe geschrieben hatten und es dennoch nicht minder selbstbewußt in die Höhe hielten. Von den westlichen Medien wurden all diese Anstrengungen allerdings nicht gewürdigt. Bis auf ein paar, mehr diffamierende als informierende Kurzmeldungen wurde die größte Demonstration seit der Wende von ihnen komplett totgeschwiegen. Kein Wunder, schließlich gab es bei dieser Demonstration nichts, womit man gängige Orbán-Ungarn-Klischees in westlichen Redaktionen hätte bedienen können. Unter den Demonstrierenden gab es keine Neonazis, keine rassistischen Sprüche, es wurden keine EU-Fahnen verbrannt wie eine Woche zuvor auf einer Kundgebung der rechtsradikalen Partei Jobbik, ja, es war nicht einmal eine Atmosphäre vorhanden, in der EU-Fahnen hätten abgefackelt werden können. Stattdessen herrschte eine ausgelassene, geradezu volksfestartige Stimmung, es gab viele freudestrahlende, erleichterte Gesichter. Man begegnete sich zuvorkommend und rücksichtsvoll. Trotz des Ernstes des Anlasses wurde auch viel gelacht. Etwa als ein Redner die den Kossuth tér erreichenden Demonstranten aufforderte, den Platz sofort „entweder nach links oder rechts“ zu räumen und ihm daraufhin ein vielstimmiges „Nimmer nach links!“ zurückschallte. Bei der nächsten Ansage bat er die Demonstrierenden betont, den Platz in „nördlicher oder südlicher Richtung“ zu verlassen. Immer wieder stimmte die Menge Sprechchöre an wie „Viktor, Viktor!“, „Wir lassen es nicht zu!“, „Wir haben keine Angst!“ oder „Zweidrittel, Zweidrittel!“, das ähnlich wie das trotzige „Wir sind das Volk!“ der Leipziger Montagsdemos darin erinnern sollte, nach wessen Pfeife die Regierung tanzen sollte. Einige gerufene Parolen wurden aufgegriffen, andere verstummten rasch wieder. Daneben wurden aber auch immer wieder, hauptsächlich von älteren Teilnehmerinnen, traurig klingende ungarische Lieder angestimmt. Den Höhepunkt bildete das gemeinsame Absingen des Szózat (dt. Aufruf), der zweiten offiziellen Nationalhymne der Ungarn: „Deiner Heimat sei unerschütterlich treu, oh Ungar! (...)“ Wenig später zerstreuten sich die Menschen in dem festen Bewußtsein, etwas Gutes für ihre Heimat getan zu haben, sie gingen genauso friedlich auseinander, wie sie zuvor demonstriert hatten. JAN MAINKA Budapester Zeitung |