Historikerkommission widerlegt
Am 3.12.2010 fand in Dresden eine Vortragsveranstaltung zum Thema „13. Februar 1945“ statt. Die JLO konnte dafür Dr. Wolfgang Schaarschmidt gewinnen, der vor dem Hintergrund der erweiterten Neuauflage seines Buches „Dresden 1945 – Daten · Fakten · Opfer“ referierte.
Fast 70 Teilnehmer folgten der Einladung der JLO und sorgten damit für Platzmangel in unserem Veranstaltungslokal, so daß Sitzplätze zur Mangelware wurden. Herr Dr. Schaarschmidt stellte seinen Vortrag den „Ergebnissen“ der Historikerkommission, welche von der Stadt Dresden eingesetzt wurde, um bereits vorgegebene „Fakten“ zu bestätigen, kontrovers gegenüber. Dabei griff er auf eine erweiterte Quellenlage zurück, die in der Erstauflage 2005 noch nicht berücksichtigt werden konnte.
Die Kommission ermittelte ihre Ergebnisse, ohne das ursächliche Ereignis vorzustellen und zu untersuchen. Sie geht davon aus, alle Dresdner Bombenopfer - 25 000 - seien geborgen und bestattet worden. Da sie weder das Ereignis erforscht noch alle Fakten zum Bergungsverlauf herangezogen hat, ist die Sache auf ein Meßblatt projiziert, welches nicht zulänglich ist. Weder ist dargelegt, ob tatsächlich alle Unterlagen erhalten geblieben sind, noch überzeugt die Behauptung, nahezu alle Opfer der Luftangriffe seien geborgen worden. Diese Mängel nimmt die Kommission in Kauf, um ihre Zahlenangaben schlüssig vorzustellen. Eines der Schlüsseldokumente ist die Angabe über die Zahl der geborgenen Toten in der Schlußmeldung des Befehlshabers der Ordnungspolizei. Sie wird ohne quellenkritische Analyse hingenommen. Doch die inzwischen zugänglichen von den Engländern abgehörten Funksprüche aus Dresden, hätten zu weiterer Prüfung dieser Quelle anregen müssen: „24. März 1945 An [SS] Oberfhr. Dr. Dietrichs, über Hptamt d. Orpo über Paula Heidelberg 42. ["Paula" frequently occurs in this fixe, evidently a police wireless address] Betr.: Vermißtenlage in LS.ort Dresden: Oberbürgermstr. der Stadt Dresden hat eingerichtet: A) eine Zentralstelle für Vermißte und 9 Verm.nachweise. B) 80 bis 100.000 Verm.anzeigen bis jetzt schätzungsweise eingegangen. C) 9720 Verm.anzeigen als Totmeldung erledigt. D) 20.000 Auskünfte über Vermißtenmeldung bis jetzt erstattet. E) Genaue statistische Angaben erst später möglich. Von Pol.präs. Dresden.“ In der Schlußmeldung heißt es: „Unter den Gefallenen bisher etwa 100 Wehrmachtsangehörige festgestellt.“ Dieser Zahl widmet der Vorsitzende der Kommission, Prof. Müller, besondere Aufmerksamkeit. Auf einer Texttafel der Kommissionsausstellung im Dresdner Rathaus 2007 hieß es: „Durch die Februar–Luftangriffe kamen ca. 100 Wehrmachtsangehörige ums Leben. Die diesbezüglichen Angaben konnten durch die Historikerkommission an Hand der Unterlagen in der Wehrmachtsauskunftsstelle in der Größenordnung bestätigt werden.“ Der Leiter des Gräbernachweises (WaSt) teilte Herrn Dr. Schaarschmidt auf Anfrage mit: „Herr Prof. Dr. Rolf-Dieter Müller hat sich…an die Deutsche Dienststelle (WaSt) gewandt und mitgeteilt bekommen, daß die Aktenlage in unserem Hause keine Rückschlüsse auf die Zahl der Kriegssterbefälle von Wehrmachtsangehörigen für den genannten Ort und Zeitraum zuläßt.“ Müllers Angabe ist demnach gelogen! Dagegen weisen die „dokumentarischen Überlieferungen“ des Deutschen Wehrmachtsführungsstabes vom 15. Februar aus: „…Luftschutzbunker nahe der Grenadierkaserne getroffen, zahlreiche Soldaten gefallen“. Die Schlußmeldung gibt an: „21 Reservelazarette total zerstört“. Ohne Verluste? Sollten die Zahlen in der Schlußmeldung die tatsächlichen weit höheren Verluste gegenüber den Beamten verschleiern? Schließlich gingen diese Meldungen an das Wirtschafts-, Finanz- und Innenministerium. In den Originalen im Bundesarchiv sind intensive Bearbeitungsspuren enthalten. Widera und Teichmann kommen zu dem Ergebnis, die Brandtemperaturen hätten im allgemeinen nicht ausgereicht, Leichen rückstandslos zu verbrennen. Den unsinnigen Begriff rückstandslos beiseite gelassen: die Kremierungstemperatur menschlicher Körper, also ihre Veraschung, liegt bei 800 °C. Ist diese Temperatur tatsächlich nur ausnahmsweise erreicht worden? Der Dresdner Grafiker und Architekt Einhart Grotegut fand bei der Begehung Dresdner Tiefbaustellen und im Bereich der Erdarbeiten an der Altstädter Brückenrampe, welche die Trümmerdeponie an der Elbe schneidet, mehr als einhundert Schmelzen verschiedener Materialien: Kupfer (1083 °C) Flaschenglas (1100 °C), Porzellanverformung (2000 °C) Glühbirnen (1700 °C) und Asphalt 300 °C bis 400 °C. Selbstverständlich sind bei archäologischen Grabungen in der Stadt solche Funde ebenfalls aufgetaucht und das Stadtmuseum hatte schon vor 1989 eine Sammlung solcher Schmelzen. Ebenso haben Hamburg und Pforzheim Schmelzen aus den Feuersturmgebieten archiviert. In Hamburg schätzten Ärzte in Kellern mit Ascheleichen die Zahl der Toten. (Bericht des Hamburger Polizeipräsidenten 1943) Damals wurden Kohlen in den Kellern gelagert. Wo sie in Brand gerieten, entwickelten sie Gase und hohe Temperaturen. Im Buch Dr. Schaarschmidts ist die Mitteilung eines Leichenbergungstruppleiters an das 12. Polizeirevier vom 5. Oktober 1945 wiedergegeben: „Hinzu kommen die zahlreichen Skelett- und Leichenteile in verkohltem Zustand, die in den stets bei den Ausgrabungen vorgefundenen Brandherden zu Tage gefördert werden. Diese Fälle sind sämtlich nicht zu registrieren.“ Der Behauptung, Temperaturen über 800 °C seien allenfalls ausnahmsweise aufgetreten, widerspricht die „Kraft der Fakten“. Obwohl Reichert 2006 in einem Vortrag den Nordfriedhof anführt, ist er weder im Bericht noch in den Ergebnisdokumenten erwähnt. Dem Nordfriedhof (bis 1946 Garnisonsfriedhof) wurde während des Krieges eine anliegende Sandgrube zugeordnet. Dort waren in Einzel- und Sammelgräbern nach den Angriffen 446 Angehörige der Wehrmacht, der Polizei und der Feuerschutzpolizei, sowie 61 zum Teil bekannte zivile Tote beerdigt. 1951 sind diese Toten auf Grund einer Verfügung der damaligen Landesregierung Sachsen in ein Sammelgrab auf den Nordfriedhof rechts oberhalb der Kapelle umgebettet worden. Ein Gedenkstein ohne Zahl und Jahresangabe bezeichnet die Stelle. Auch Ukrainer gehörten freiwillig der Dresdner Feuerschutzpolizei an. Wieviele von ihnen während oder in Folge der Einsätze ums Leben kamen, konnte bisher nicht geklärt werden. Die Stadt Dresden hat diesen Männern, die im Einsatz ihr Leben verloren, bisher kein Wort des Gedenkens gewidmet. Ob zukünftig die Zahl der Dresdner Angriffsopfer oder deren Schätzung einer Aussprache offen bleibt, wie die Oberbürgermeisterin ankündigen ließ, muß nach den derzeitigen gleichgeschalteten Beiträgen in den Medien bezweifelt werden. Wie damit umgegangen werden soll, kündigte Prof. Heydemann (Hannah-Arendt-Institut) in seinem Vortrag zur Vorstellung der Kommissionsergebnisse am 17.3.2010 im Dresdner Rathaus an: „ ... ebenso dauerte es Jahrzehnte, bis eine Kommission ins Leben gerufen werden konnte, um die genaue Zahl der Todesopfer festzustellen. Die 2004 gegründete Historikerkommission […] ist vor allem auch mit völlig unvoreingenommener, penibler wissenschaftlicher Sorgfalt nachgegangen und gerecht geworden. (sic) Wir haben das gerade demonstriert bekommen. Wer nun die zweifelsfrei ermittelte Zahl von Luftkriegstoten von bis zu 25.000 Opfern noch immer anzweifelt oder nicht wahr haben will, ist entweder unbelehrbar, unseriös oder verfolgt andere Zwecke...“ Die im Beitrag genannten Personen, wenn nicht anders vermerkt, sind Mitglieder der Historikerkommission. |